Skip to main content English

Ausstellungsplakat 2020-21

Chemotherapie

Das Ausstellungsplakat zeigt die Gesichtshälfte eines Mannes mit einer als Comic angedeuteten weiblichen Gesichtshälfte. Dies als Symbol für eine fließende Beziehung zwischen Körper, Geschlecht und Identität. Den Hintergrund zum Plakat von ihm selbst erzählt finden Sie hier:

Chemotherapie

Ich fahre gerne Rennrad, am Anfang der Saison kürzere Strecken, dann steigere ich mich. Dieses Jahr werde ich nicht besser, ich breche ab, ich drehe um. Kurz darauf gehe ich zur Blutabnahme zu meiner Hausärztin. Die Ereignisse überschlagen sich: Wenige Stunden später werde ich von meiner Hausärztin informiert, dass meine Blutwerte dramatisch sind, 15 Minuten später holt mich ein Krankenwagen ab und ich werde auf der Onkologie wegen Leukämie aufgenommen. Am nächsten Tag wird die Knochenmarkpunktion gemacht, wenige Tage später ein dauerhaftes Kathetersystem unter mein Schlüsselbein implantiert und die erste Chemotherapie gestartet.

Diese Induktionstherapie hat drastische Auswirkungen auf den Körper. Innerhalb weniger Tage werden meine Blutzellen immer weniger, bis keine weißen Blutzellen mehr da sind, mein Körper ist schutzlos, Infektionen können mein Leben bedrohen.

Solange ich kann, gehe ich im Spitalsgelände spazieren, bald wird sich das ändern, dann bleibe ich im Zimmer und für lange Zeit werde ich nicht einmal das Bett verlassen. Die Auswirkung der verminderten Anzahl an roten Blutzellen merkt man schnell, ich teste im Treppenhaus wie viele Stiegen ich schaffe. Ich habe mein Rennrad gegen ein paar Stufen getauscht. Ich werde immer schwächer und müder, bleibe im Bett und will nicht einmal lesen oder fernsehen. Das Licht ist gedämpft, mein Horizont ist die Zimmerdecke, Zeit wird dimensionslos.

Die roten Blutkörperchen und die Blutplättchen müssen transfundiert werden, um nicht in den kritischen Bereich zu kommen. Bei der ersten Konserve gehen mir verschiedenste Gedanken durch den Kopf, schon eigenartig Blut von fremden Menschen in sich reintropfen zu sehen. Ich mache ein Foto. Es folgen während meiner Behandlung noch sehr viele Transfusionen, später habe ich sie nicht einmal mehr gezählt. Ich merke relativ schnell die Veränderung: ich bin nicht mehr kurzatmig, schwindelfrei und die Hautblutungen sowie das Zahnfleischbluten gehen zurück.

Täglich wird Blut abgenommen, die Werte beobachte ich genau, meine Abwehrzellen sind bei Null. Ich werde gegen Bakterien und Pilze mit Medikamenten abgeschirmt, mache antiseptische Waschungen, bekomme spezielle keimarme Kost, bin in einem Einzelzimmer. Alle hygienischen Maßnahmen sind ganz genau einzuhalten und der Besuch ist drastisch eingeschränkt. Ich bin nun mein eigener Feind, Keime mit denen ich bisher gut zusammen gelebt habe, auf der Haut oder im Darm, machen mir jetzt Probleme. Die Entzündungswerte steigen und steigen. Am meisten macht mir der Pilz in der Lunge zu schaffen, er wird mich noch lange Zeit begleiten. Ich habe schon zwei Wochen hohes Fieber, mein Bett ist mehrmals am Tag durchgeschwitzt. Der implantierte Zugang zu meinem Blutkreislauf ist von Keimen besiedelt und muss herausoperiert werden. Die Infektionen mit dem hohen Fieber schwächen und zermürben mich.

Auf meinem Kopfpolster sind viele kurze Härchen, meine Barthaare brechen ab. Ich habe stark abgenommen und dunkle Augenringe bekommen, mein Gesicht ist eingefallen. Ich gehe zum Spiegel und suche das glückliche sonnengebräunte Gesicht vom vergangenen Sommer, aber ein kranker Körper schaut mich an.

Mein Knochenmark beginnt wieder eigene Zellen zu produzieren, zunächst zaghaft, aber dann werden es rasant immer mehr. Mein Körper kann sich wieder wehren und beteiligt sich im Kampf gegen die Keime. Er leistet Großartiges und innerhalb von Tagen beginnen die Entzündungswerte zu sinken. Sieben Wochen sind vergangen, ich kann wieder aufstehen, spazieren gehen und am Wochenende darf ich für einige Tage nach Hause.

Bald werde ich erfahren, ob die Leukämiezellen ausreichend vermindert worden sind und wie der weitere Behandlungsverlauf sein wird.

Leukämiepatient, 48 Jahre

Induktionstherapie

Wien, 2020